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Reisealtar des Kardinals Otto Truchsess von Waldburg

Das Diözesanmuseum St. Afra beherbergt einen sogenannten Reisealtar, der formal und funktional eine Mischform zwischen einem Altarretabel, einem Reliquiar, einem Tragaltar und einem Kabinettschrank darstellt. Besonders sind neben der Form auch die Materialien: Roter Samt, der auf die Noblesse des Auftraggebers schließen lässt, und Eisen, ein in der Kunst sehr selten verwendeter Werkstoff, da er aufgrund seiner Härte eher schwer zu bearbeiten ist.
Der von einer Halbtonne bekrönte Holzkasten hat seitliche Griffe, die ihn zum Transport geeignet machen. Er ist rundherum mit rotem Samt bezogen. Die Abnutzung des Samtes belegt, dass der Reisealtar tatsächlich auch als solcher verwendet wurde. Öffnete man die Türen, so wurde der Blick auf eine querrechteckige Tafel mit einer langen gravierten Inschrift gelenkt. Sie zitiert eine Textstelle aus dem Manuale des sogenannten Pseudo-Augustinus, eines unbekannten Autors aus dem 12. Jahrhundert. Der Text wird eingefasst von einem breiten, mit Eisen beschlagenen Rahmen, aus dem Reliefs herausgetrieben sind. Sie zeigen mit dem Rollwerk, den Vasen, den Vögeln und nimbierten Puttenköpfchen typische Ornamente der Renaissance. An den unteren Ecken findet sich ferner zweimal das Stifterwappen des Augsburger Fürstbischofs (reg. 1543-1573) und Kardinals Otto Truchsess von Waldburg (1514-1573) und in der Mitte sein Emblem, der Pelikan, der sich die Brust aufreißt, um mit seinem Blut seine Jungen zu nähren. Das in der christlichen Ikonografie häufig verwendete Tiersymbol steht für die Liebe Gottes zu den Menschen, der seinen Sohn für sie geopfert hat. Sinnfällig ist diesem Emblem am oberen Rahmenstück die Caritas zugeordnet. Die menschliche Nächstenliebe gehört zusammen mit der Hoffnung und dem Glauben zu einer der drei göttlichen Tugenden. Caritas wird von Posaune blasenden Engeln flankiert. An den seitlichen Rahmenteilen erscheint links und rechts jeweils die personifizierte Tugend des Glaubens (Fides), einmal mit Kelch und Hostie und auf der anderen Seite mit dem Kreuz, während die Tugend der Hoffnung (Spes) mit dem Anker fehlt.
Die Inschrifttafel lässt sich nach unten klappen und nun wird der eigentliche Verwendungszweck deutlich: Es zeigt sich eine von Samt eingefasste Rotmarmorplatte, auf der die heilige Messe zelebriert werden konnte. Die Tafel war also ein Tragaltar, der immer dann benutzt wurde, wenn ein feststehender Altar in einer Kirche nicht vorhanden war. Bei beiden wurden Reliquien beigesetzt und der Altarstein geweiht. Der Kasten mit den geöffneten Flügeln diente nun als Altarretabel. Dem Betrachter präsentieren sich nun, um eine Mitteltür gruppiert, neun Schubladen mit Szenen aus der Passion Christi; die Türe zeigt seine Kreuzigung. Schubladen, Türe, Flügel, Lünette und die Semilünetten sind mit getriebenen Eisenreliefs beschlagen. Die Flügel erweitern das Bildprogramm um Szenen aus der Kindheitsgeschichte: links die Verkündigung und Beschneidung, rechts die Anbetung der Hirten und der Könige. Die Semilünetten setzen mit der Scheidung der Seligen und der Verdammten das Thema des Jüngsten Gerichts der mittleren Lünette mit dem Weltenrichter fort.
Die Eisenreliefs können aufgrund stilistischer Ähnlichkeiten mit einem im Jahr 1574 gefertigten, signierten und datierten Armlehnstuhl (heute im Longford Castle in Wiltshire) dem Augsburger Messerschmied Thomas Rucker zugeschrieben werden. Der Reisealtar stand, wenn er nicht unterwegs war, in der Heiltumskammer des Kardinals Otto Truchsess von Waldburg, die dieser in einem alten Turm in Dillingen ab 1566 einrichten ließ. Damit ist belegt ist, dass er auch als Reliquiar diente. Bereits 1582 erscheint der Reisealtar in einem Reliquienverzeichnis des Augsburger Domes.

MT

Reisealtar (Foto Jürgen Bartenschlager)
Reisealtar
Inschrift Reisealtar (Foto Jürgen Bartenschlager)
Inschrift Reisealtar
Kreuzigung Reisealtar (Foto Jürgen Bartenschlager)
 

Diözesanmuseum St. Afra
Kornhausgasse 3–5
86152 Augsburg
Telefon: 0821 3166-8833
museum.st.afra@bistum-augsburg.de

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Öffnungszeiten
Dienstag-Samstag 10.00–17.00 Uhr
Sonntag/Feiertag 12.00–18.00 Uhr
Montag geschlossen
 
Eintrittspreise
Erwachsene 4,00 €*
Ermäßigt 3,00 €*
Familienkarte 8,00 €*
Jahreskarte 19,00 €
* bei Sonderausstellung abweichend
* am 1. Sonntag im Monat Eintritt frei!
 
Führungen
Auf Anfrage (0821 3166-8833 oder museum.st.afra@bistum-augsburg.de)
 
Barrierefreiheit
Das Museum ist in seiner historischen Substanz nur bedingt barrierefrei und zu ca. 60% für Rollstuhlfahrer zugänglich

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